Der Einzige, den er zumindest ein wenig an sich heranlässt, ist eben jener Constantin Marx, Ich-Erzähler der Geschichte. Der Architekt ist eigentlich nur mitgefahren, um seine Mutter Ingeborg – Psychotherapeutin, Vorsitzende des Fördervereins und glühender Fan des Malers – zu unterstützen. Doch getreu dem Motto „Triff niemals deine Helden“ läuft die Reise schnell aus dem Ruder. Was für den Förderverein zum Desaster zu werden droht, ist für die Leserinnen und Leser von Kristof Magnussons wunderbarem Roman „Ein Mann der Kunst“ ein großes Geschenk. Dieser Geschichte zu folgen, ist eine ebenso kluge wie unterhaltsame Reise ins deutsche Bildungsbürgertum mit all seinen Widersprüchen – und deshalb ist Magnussons Roman in diesem Jahr das „Buch für die Stadt“.
Dem 50-Jährigen ist ein echtes Kunststück gelungen. Er hat eine Satire über die Skurrilitäten und Abgründe des Kunstbetriebs geschrieben, die sich dennoch durch eine große Zuneigung zu ihren Figuren auszeichnet. Er legt ihre Widersprüche offen, führt sie aber nie vor.
Da ist die selbstbewusste Feministin Ingeborg, die sich dennoch für diesen Typus des Großkünstlers mit vorsichtig formuliert schwierigem Frauenbild begeistert. Da reisen bildungsbeflissene Akademiker an, die sich für ihre Diskussionskultur und Konfliktfähigkeit feiern, um sich dann von einem griesgrämigen Maler mit schlechten Manieren beschimpfen zu lassen, der überall den Kulturverfall wittert und im Internet das Übel der Welt vereint sieht. Würde diese Früher-war-alles-besser-Nörgelei bei anderen alten weißen Männern als Zeichen ihrer Rückwärtsgewandtheit gedeutet, wird sie hier zum Beleg großer Intellektualität verklärt.
Die Auswirkungen des Patriarchats, auch und gerade auf die Kunstwelt, Sexismus, Klassismus und Generationendebatten behandelt Magnusson wie scheinbar nebenbei und wirft auch die grundsätzliche Frage auf, was Kunst heute noch erreichen kann oder sollte. Dabei ist stets zu spüren, wie dankbar er denen ist, die immer noch an ihre Macht glauben. Deshalb ist sein Roman im engeren Sinne gar kein Künstlerroman, auch wenn es zunächst so scheint, sondern vielmehr ein Kunstliebhaberroman.
Es ist kein Wunder, dass der Halb-Isländer Magnusson nicht nur als Übersetzer und Romanautor arbeitet, sondern seine Texte auch sehr erfolgreich für die Bühne adaptiert oder neue Stücke schreibt. Er hat ein großes Talent für scharfe Beobachtungen, ungemein unterhaltsame Dialoge und kluge Pointen, was übrigens auch ganz wunderbar beim Hörbuch des Romans, gelesen von Devid Striesow, deutlich wird.
Um dieses Talent weiß auch Schauspiel-Intendant Kay Voges, der mit „In bester Lage“ von Magnusson und Gunnar Klack im September das neue Haus am Offenbachplatz eröffnen wird. Sein Weg wird Kristof Magnusson in diesem Jahr also noch häufiger an den Rhein führen. Und vielleicht lässt er dann ja in seinem nächsten Roman auch den 1. FC Köln das Derby gewinnen.
DIE LITERATURAKTION
Das „Buch für die Stadt“ ist eine Literaturaktion von Literaturhaus Köln, „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“. Die Jury bildeten Bettina Fischer (Literaturhaus Köln), Hildegund Laaff (Lengfeld’sche Buchhandlung), Martin Oehlen (Literaturblog „Bücher-Atlas“) und Anne Burgmer („Kölner Stadt-Anzeiger“).
Die Sonderausgabe des Romans erscheint am 14. September im Goldmann Verlag. Vom 22. bis 29. November wird es eine Aktionswoche in Köln und der gesamten Region geben. Die Matinee mit Kristof Magnusson am 22. November im Schauspiel Köln bildet den Auftakt der Aktionswoche, die bis zum 29. November läuft. Unterstützt wird die Initiative vom Unternehmen JTI.